Lily Braun: „Die Geschichte der Gesellschaft Weimars sollte ich schreiben“

Verträumt und erstaunt sah ich um mich, als ich acht Tage später in Weimar ankam. Stand die Zeit hier seit zehn Jahren still?! Derselbe helle Maienabend wie damals empfing mich. Und in dasselbe alte Haus an der Ackerwand führte mich die Hofequipage, wie einst, als die Großmutter ihr Enkelkind zum erstenmal hergeleitete. Sie freilich war nicht mehr da, und doch war mirs, als ob ihr Kleid neben mir die Treppe hinauf rauschte. Auch ihr Bruder war lange tot, und doch schien’s, als wäre der schöne, tief brünette Mann mit den schmalen Händen und dem leicht gebeugten Nacken, der mich empfing, kein anderer als er.

Im Rokokosalon mit den vielen Miniaturen über dem graziösen Sofa und den verblaßten Pastellbildern an der mattblauen Seidentapete erhob sich aus dem goldgeschnitzten Lehnstuhl am Fenster ein schlankes Frauenbild und streckte mir mit einem süß-zärtlichen Lächeln ein weißes Händchen entgegen. War das wirklich die Gräfin Wendland – meine Tante –, oder war es nicht Frau von Stein, deren Schatten sich aus dem Nebenhaus hierher verirrt hatte?! Dann kamen die Kinder und begrüßten mich, – lauter kleine Elfen mit allzu schweren Haaren auf den feinen Köpfchen und allzu großen Blauaugen über den schmalen Wangen.

Draußen vor meinem Zimmer plätscherte der Brunnen, wie vor uralten Zeiten, und die Bäume rauschten feierlich, als träfe ihre Kronen niemals ein Wirbelsturm.

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Am nächsten Morgen besuchte mich der Großherzog. Er kam zu Fuß und unangemeldet, mit den raschen elastischen Schritten eines jungen Mannes; ich hatte kaum Zeit, ihm bis zum Treppenaufgang entgegenzugehen. Und dann saß er mir im Rokokosalon gegenüber, und je länger er sprach – mit heller Stimme und in dem eleganten Französisch des ancien régime –, desto tiefer versank die Gegenwart, und in mystischem Halbdunkel stieg die Vergangenheit empor. Von der Großmutter erzählte er mir zuerst, wie schön und wie gut und wie klug sie gewesen wäre, wie sie Weimars Geist in sich verkörpert habe, wie er nie habe verstehen können, daß sie anderswo als in ihrer Seelenheimat zu leben imstande gewesen war. Zuweilen legte er die Hand über die Augen, eine gelbliche, blutleere muskellose Hand, die gewiß niemals fest zuzupacken vermocht hatte, und lehnte sich, als käme plötzlich die Erinnerung an das eigene Alter über ihn, tief in den Stuhl zurück. Aber gleich darauf reckte sich„ sein schmaler Oberkörper krampfhaft auf, die Hände umschlossen die Seitenlehnen, die Augen weiteten sich, und mit dem stereotypen angelernten Fürstenlächeln, das über jede Empfindung hinweg täuschen soll, begann er wieder zu reden. Nun war ich nicht mehr das Enkelkind der Freundin seiner Jugend, sondern die Schriftstellerin, von der er die Erfüllung eines langgehegten Wunsches erwartete.

Die Geschichte der Gesellschaft Weimars sollte ich schreiben, jener Gesellschaft, die seit Goethes Ankunft in der Residenz Karl Augusts „getreu ihrer Tradition, Künstler und Dichter als gleichberechtigte aufgenommen und ihnen den Weg zum Ruhm gebahnt hat.“ Und von den Vielen erzählte er, denen Weimar ein Sprungbrett ins Leben gewesen war, die hier zuerst die Anerkennung fanden, die die Welt draußen ihnen versagte. Er begeisterte sich an seinem eigenen Gedankengang, sein farbloses Gesicht überzog sich mit einer ganz feinen bläulichen Röte, und in seinen verschleierten Augen entzündete sich ein stilles Licht.

„Sie sind prädestiniert, dies Werk zu schaffen: Getränkt mit Weimars Erinnerungen, erzogen in Weimars Geist, geleitet von dem unfehlbaren Takt der Aristokratin,“ sagte er, indem er sich erhob und mir die Hand reichte. „Von Ihnen brauche ich keine jener widerwärtigen Enthüllungen zu fürchten, die die Kunst beschmutzen, das Leben vergiften. Meine Archive stehen Ihnen offen; dasselbe glaube ich auch im Namen der Großherzogin versprechen zu dürfen. Ich hoffe, Sie oft zu sehen – –“

Zu einer Antwort ließ er mir keine Zeit mehr, – daß ich nicht nein sagen könnte und dürfte? war ihm selbstverständlich. Ich hatte mich nur noch tief und dankbar zu verneigen.

Und immer enger spann sich Weimars Zaubernetz mir um Geist und Sinne. Mit offenen Armen, wie eine Heimkehrende, ward ich überall aufgenommen. Während langer Audienzen besprach die Großherzogin meine Arbeit im Goethe-Archiv mit mir. Sie blieb stets in jedem Wort und jeder Bewegung die unnahbare Fürstin, und doch lag ein mütterlicher Ausdruck auf ihren Zügen, wenn ich eintrat. Der kleine, derbe Erbgroßherzog, in allen Stücken das Gegenteil seines Vaters, glich ihm mir gegenüber in der Freundlichkeit, die durch seinen breiten Weimarer Dialekt und seine mit einer gewissen Absichtlichkeit übertriebene Verachtung aller Form noch um einen Schein herzlicher war, und seine gute, dicke Frau, die gewiß eine prächtige Landpastorin abgegeben hätte, unterstützte ihn darin. Mit der halben Hofgesellschaft verbanden mich verwandtschaftliche Beziehungen; Vettern und Kusinen sechsten und achten Grades behandelten einander hier in dem festgeschlossenen Kreise wie nahe Blutsverwandte. Wir waren in großer Gesellschaft, wenn kaum einer unter uns nicht „Du“ zu dem anderen sagte.

Wie ein süßer Duft verlöschter Wachskerzen schwebte die Erinnerung an das achtzehnte Jahrhundert über all diesen Menschen und ihrer Umgebung. Alles war verblaßt, was damals in Farben und Gefühlen gejauchzt und geschwelgt hatte: die Rosenteppiche, – die gemalten Wangen, – die Liebe. Und die raschelnden bauschenden Gewänder, die Schönpflästerchen, die bunten Westen, die weißen Perücken und Galanteriedegen hatten die Damen und Herren abgelegt. Sie sahen darum oft recht dürftig und ungeschickt aus. Nur wenn im Schloß die Lüster brannten und das blanke Parkett und die hohen Spiegel ihr Licht tausendfältig wiedergaben, schienen sie sich des alten Lebens bewußt zu werden. Sie tanzten und lachten und neigten sich und nippten vom süßen Weine, und ich selbst mitten darin kam mir vor wie ihresgleichen: ein Schatten der Vergangenheit.

Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin, Bd. 1. Lehrjahre, München: Albert Langen, 1909, S. 481-484.

Im Internet:

https://de.wikisource.org/wiki/Memoiren_einer_Sozialistin/Sechzehntes_Kapitel

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Lily Braun: „Wenigstens auf eine standesgemäße Weise“

In der Goethe-Zeitschrift waren inzwischen meine Aufsätze erschienen, und von den Weimarer Freunden und Verwandten meiner Großmutter wurde mit eitel Anerkennung zu Teil. Auch der Großherzog ließ mir sagen, wie sehr ihn interessierte, was ich schreibe, und legte mir nahe, nach Weimar zu kommen, wo ich zu neuen Studien und Arbeiten alle Türen offen und alle Menschen hilfsbereit finden würde. Mein Vater strahlte über diesen Erfolg und begriff nicht, wie ich auch nur einen Moment zögern könne, der Aufregung Folge zu leisten.

„Du bist doch nun einmal dem Tintenteufel verfallen“, meinte er, „nun kannst du es wenigstens auf eine standesgemäße Weise sein.“

Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin, Bd. 1. Lehrjahre, München: Albert Langen, 1909, S. 467-468.

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Lily Braun: Eine Position in der Gesellschaft war uns gesichert

Mit einer Schar kleiner Mädchen und Knaben bekam ich in demselben Winter die ersten Tanzstunden, die abwechselnd in ihren Familien stattzufinden pflegten. Da saßen dann all die Mamas und Großmamas und Tanten ernsthaft im Kreise herum und musterten die junge Generation und spannen Zukunftspläne und wetteiferten mit unserm Tanzmeister, der uns besonders interessant war, weil er in „Flick und Flock“ den großen Krebs zu tanzen pflegte, in der Ausübung ihrer Erziehungskünste. Sie konnten stolz sein auf ihr Werk: So gut wir französisch parlierten, so zierlich tanzten wir Quadrille und Polka, — der Walzer war als „unschicklich“ zu jener Zeit in der Hofgesellschaft verboten –, und so tadellos war unser Hofknix.

„Eine Position in der Gesellschaft“ war uns gesichert, ja wir besaßen sie, dank unsrer Familienbeziehungen, schon jetzt. Mir war sie etwas so Selbstverständliches, daß jener Hochmut, der nur entstehen kann, wenn man sie als etwas Besonderes ansieht, der daher am sichersten den Emporkömmling kennzeichnet, bei mir gar nicht aufkam. So war mir die Ehrfurcht und die Bewunderung, mit der Edith mich über die Kindergesellschaften bei „Kronprinzens“ auszufragen pflegte, immer komisch erschienen.

Ich hätte wirklich nicht gewußt, was mich im kronprinzlichen Palais zum Bewundern und Verehren hätte bewegen können: die kleine unansehnliche Kronprinzessin, die mit der Miene einer Gouvernante unsre Spiele beaufsichtigte, der lustige Kronprinz, dessen derbe Späße die Märchenprinzenillusionen unsrer Kinderträume gar nicht aufkommen ließen, die einfachen, mit Spielzeug wenig verwöhnten Kinder, der Teetisch, auf dem ich bald aufgegeben hatte, etwas zu suchen, was Kindergaumen reizt, — es gab doch immer nur dieselben Albert-Kakes — das alles gab ein Gesamtbild, das der Glanz der Kaiserkrone nicht zu treffen schien. Ich ging nicht allzu gerne hin: Prinzessin Charlotte, die mir am besten gefiel, war viel älter als ich; Prinzessin Viktoria, mit der ich spielen sollte, hatte nur Spaß am Kommandieren, was ich mir nicht gefallen ließ, die jüngern Geschwister waren Babys in den Augen der bald Zehnjährigen. Kam Prinz Wilhelm dazu mit dem kurzen lahmen Arm und dem finstern Gesicht, so wurde mirs vollends unheimlich. Es war jedesmal ein Seufzer der Erleichterung, mit dem ich mich in die Kissen des Wagens lehnte, der mich heimwärts fuhr.

Schön waren nur die großen Feste: das Baumplündern, die Kinderbälle, die Aufführungen. Wenn ich mit offnen Locken, im Spitzenkleid und Atlasschuhen die lichterstrahlenden Säle betrat und gnädig die ersten Huldigungen kleiner Kavaliere entgegennahm, — dann ging mir eine Ahnung vom üppigen Freudenmahl des Lebens auf, die mir alle Fibern mit Sehnsucht füllte. Bei einem solchen Fest war es, als Helmut mir entgegentrat und mir auf dem Wege zum Ballsaal den Arm reichte. „Wie eine Prinzessin aus Tausendundeiner Nacht siehst du aus,“ flüsterte er dicht an meinem Ohr. Tausend und eine Nacht! Heiß überflutete es mich! Und als wir uns dann im schimmernden Glanz der Kerzen, bei rauschender Musik im Tanze wiegten, war mirs, als hörte ich verlockend die Worte zu seiner Melodie: schön sein — herrschen — genießen!

Eine Kugel, die ich mir einst im Schloß vom Weihnachtsbaum herunterholte, und in der sich noch heute alljährlich die Lichter unsres Tannenbaums spiegeln, ist das einzige, was mir zur Erinnerung an jene Feste übrig blieb. Ich hielt sie damals für eitel Silber. Aber sie ist auch nur aus Glas und hat schon lange einen Sprung! …

***
Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin, Bd. 1. Lehrjahre (1909).

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Lily Braun: Ein gut erzogenes Mädchen

lilybraun1876Ja, reiten, — das mußte herrlich sein! Frei, mit verhängtem Zügel über Felder und Wiesen, — vor Wonne klopfte mein Herz, wenn ich daran dachte! Aber im engen Hof, immer im Schritt, bestenfalls im kurzen Trab in der Runde, jeden Moment gewärtig, vom Vater heftig angefahren zu werden, wenn ich krumm saß, die Zügel verkehrt hielt, die Ecken nicht ausritt oder die Peitsche verlor, — gräßlich wars!

Laute, harte Worte zu hören, verwundete mich aufs tiefste, und die Liebesbeweise, mit denen mein Vater mich nach jedem Ausbruch seiner Heftigkeit in doppeltem Maße überschüttete, vermochten den Eindruck nicht auszulöschen. Ich bemühte mich, sie nicht hervorzurufen – man nannte das lobend „artig sein“ –, aber mein Herz krampfte sich dabei zusammen, und ich zog mich mehr und mehr in das Gehäuse meines verborgenen Lebens zurück, was meine Mutter als ein erfreuliches Resultat ihrer Erziehungsmethode betrachten mochte, die nur ein Prinzip kannte: Selbstbeherrschung.

„Ein gut erzogenes Mädchen zeigt seine Gefühle nicht“, pflegte sie zu sagen, und so vergrub ich mich in die Kissen meines Betts, wenn ich weinen mußte, und lief in den Garten hinaus, um mich hoch in die Lüfte zu schaukeln, wenn ich mich freute.

Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin, Bd. 1. Lehrjahre, München: Albert Langen, 1909, S. 36-37.

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Lily Braun: „Nicht irre gegangen“

lilybraun1910s“Einmal, als der Föhn mich umheulte und die Steine meine Füße verwundeten, sah ich forschend zurück. Und ich erkannte, daß ich nicht irre gegangen war.”

Lily Braun: Memorien einer Sozialistin (Gesammelte Werke, [1923], Bd. 3), S. 538.

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Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin (München, 1908-1911)

 

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