Lily Braun: Ein gut erzogenes Mädchen

lilybraun1876Ja, reiten, — das mußte herrlich sein! Frei, mit verhängtem Zügel über Felder und Wiesen, — vor Wonne klopfte mein Herz, wenn ich daran dachte! Aber im engen Hof, immer im Schritt, bestenfalls im kurzen Trab in der Runde, jeden Moment gewärtig, vom Vater heftig angefahren zu werden, wenn ich krumm saß, die Zügel verkehrt hielt, die Ecken nicht ausritt oder die Peitsche verlor, — gräßlich wars!

Laute, harte Worte zu hören, verwundete mich aufs tiefste, und die Liebesbeweise, mit denen mein Vater mich nach jedem Ausbruch seiner Heftigkeit in doppeltem Maße überschüttete, vermochten den Eindruck nicht auszulöschen. Ich bemühte mich, sie nicht hervorzurufen – man nannte das lobend „artig sein“ –, aber mein Herz krampfte sich dabei zusammen, und ich zog mich mehr und mehr in das Gehäuse meines verborgenen Lebens zurück, was meine Mutter als ein erfreuliches Resultat ihrer Erziehungsmethode betrachten mochte, die nur ein Prinzip kannte: Selbstbeherrschung.

„Ein gut erzogenes Mädchen zeigt seine Gefühle nicht“, pflegte sie zu sagen, und so vergrub ich mich in die Kissen meines Betts, wenn ich weinen mußte, und lief in den Garten hinaus, um mich hoch in die Lüfte zu schaukeln, wenn ich mich freute.

Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin, Bd. 1. Lehrjahre, München: Albert Langen, 1909, S. 36-37.

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Über Silvia Irina Zimmermann

Literatur über und Neuausgaben aus dem Werk von Carmen Sylva
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